Kurzgeschichten

Die fette Königin

Die fette Königin lag seit Tagen unbenutzt im Bette. Kein Untertan klagte sein Leid, kein Hoflieferant brachte Leckereien, kein Hausierer bot wertlosen Tand an. Die Hofzwerge langweilten sich schon maßlos. Zu ihrer Zerstreuung bliesen sie Frösche mit Strohhalmen auf Zentaurengröße. Die armen aufgeblähten Tiere wurden vom Wind in ferne Länder geweht. Dort hielt man sie für Götter aus dem Himmel  und verehrte sie sehr. Wie schade, dass die dummen Dinger davon nichts begriffen.
Derweil erhielt die fette Königin einen Anruf. „“Hallo, hier spricht der Finanzminister“, sprach der Finanzminister. „Ich habe Haus & Hof, alles Geld und auch den Schmuck Ihrer Majestät für Wein, Weib & Gesang verprasst. Nun bin ich gläubig geworden und verschwinde auf immer in ein Kloster mit Schweigegelübte. Adieu.“
Was tun?“, dachte die Königin und hatte gleich einen famosen Schlachtplan, alles zu retten…

Wie es mit der fetten Königin weitergeht? Lesen Sie es in dem neuen Kurzgeschichten-Buch “Rambazamba in der Schnickschnackbar”, das im Oktober erscheint!


 

Schuld ist nur Professor Freigart

Ich hatte es nur gut gemeint, doch gedankt wurde es mir nicht. Weil Professor Freigart in seiner Stadtvilla von kaukasischen Bauarbeitern (die sind ja für solche Arbeit die bewährtesten Kräfte überhaupt) einen Tunnel bis zum Mittelpunkt der Erde graben ließ, um zukünftig in seinem Haus immer schön warme Füße zu haben, konnte er dort natürlich nicht bleiben.So gewährte ich ihm bei mir Unterkunft, die der alte Mann sofort annahm. Welche Hölle hatte ich mir da ins Haus geholt! Ich bin als hilfsbereiter Mensch stadtbekannt und so machte es mir nichts aus, dass ich ihm vor dem Zubettgehen jeden abend die alten, trockenen Beine mit einer Wollfettsalbe einreiben musste. Im Gegenteil, ich hatte Freude daran, selbstlos helfen zu können. Und dem Professor tat es wohl, wie ich seinem zufriedenen Schnarren entnehmen konnte. Doch kaum lagen wir im Bett und hatten das Licht gelöscht, ging das Theater los! In der Dunkelheit startete er sofort das Trompetenspielen, vornehmlich die „Ungarischen Tänze“. Wo ich doch Brahms hasse! Auch waren die hohen Töne mit zu wenig Druck geblasen, was man wohl dem hohen Alter Professor Freigarts zuschreiben muss, meinem überaus feinem Gehör aber ein Graus war.
Mit dem Banausentum war erst Schluss, als es mir in einem unbeachteten Moment gelang, in das Musikinstrument einige Küchenschaben zu kippen. Vor denen ekelte und fürchtete sich der Professor sehr. Leider war das nicht alles. Freigart gelang es nämlich, unentwegt größte Mengen Alkohols ins Bett zu schmuggeln. Und dass, obwohl ich jeden Abend sein Nachthemd am Leib abtastete! Immer war es kubanischer Rum, für den ich ja auch eine Schwäche habe. Mehrmals zog mit der Professor sogar die Wärmflasche von meinen Füßen ab, um sich mit dem heißen Wasser darin einen Grog zu brauen. Der verführerische Duft stieg mir in die Nase und so konnte ich ja gar nicht anders, als tüchtig mitzutrinken. Oft lagen wir tagelang nur kichernd im Bette. Meine Zugehfrau ekelt sich schon.
So konnte es nicht weitergehen, zumal ich als Leiter der gesamten Weltwirtschaft natürlich auch noch eine wahre Herkulesarbeit zu bewältigen hatte. Immerzu riefen mich die Finanzminister der ganzen Welt an und fragten mich angstvoll nach Rat. Doch ich konnte nur unverständlich ins Telefon lallen. Als der amerikanische Präsident bei mir an der Haustür schellte, um mit mir die Wirtschaftslage zu besprechen, versuchte ich aus dem Bett zu kriechen, um ihm zu öffnen. Doch ich verirrte mich in der Liegestelle und schlief schließlich völlig erschöpft am Fußende des Bettes ein. Deshalb musste der Mann unverrichteter Dinge wieder abziehen. Was also tun, um der gefährlichen Situation wieder Herr zu werden? Zum Glück war ein strenger Winter. Als der Professor vor der offenen Klappe des Ofens stand, um sich zu wärmen, beförderte ich ihn mit einem kräftigen Tritt in das glühende Ding. Der Mann war schon so alt, dass er binnen Sekunden verbrannte. Erleichtert atmete ich auf. Die letzen Rumflaschen würde ich alleine austrinken, danach begänne das alte Leben.
Die Asche Professor Freigarts streute ich auf den vereisten Bürgersteig. Nun fielen die Kinder, die auf dem Weg zur Schule an meinem Haus vorbeimussten, nicht mehr unentwegt hin. Als Dank bastelten sie mir immerzu Schneemänner in den Vorgarten. Wie hässlich die aussahen! Da wusste ich, dass ich in einen furchtbaren Teufelskreis geraten war. Ab nun musste ich jede Nacht für mehrere Stunden aus dem warmen Bett, um die widerwärtigen Schneemänner heimlich mit einem Bunsenbrenner zu schmelzen. Deshalb lag ich den ganzen Tag erschöpft schlafend im Bett und reagierte auf keinen noch so dringenden Anruf der Finanzminister.

Aus dem Kurzgeschichten-Buch “Schindluder & Schabernack”. 4,90 Euro. ISBN-10: 384820584X. In jeder Buchhandlung. Auch als ebook erhältlich.


 

Spätherbst mit Nachbarin

Als im vergangenen Spätherbst alle meine Leibhosen in der Wäsche waren, konnte ich naturgemäß über Wochen die Wohnung nicht verlassen. Zum Glück hatte ich damals noch einen Telefonanschluss und vermochte meine Nachbarin um Hilfe anzurufen. Zwar besaß sie nicht den allerbesten Ruf und hatte wohl auch wegen einiger Gaunereien schon mehrmals im Gefängnis gesessen. Aber im Herzen war sie gut.
Als ich einmal mit einer schweren Grippe (oder was immer es wohl gewesen sein mag) betttlägrig und herabgewirtschaftet war, hatte sie mich über Tage mit meinem so heißgeliebten Cognac und kaltem Kartoffelbrei versorgt. Ohne sie wäre ich wohl damals elendig zugrunde gegangen, denn Freunde oder Verwandte, die mit mir noch redeten, kannte ich schon längst keine mehr.
Auch nun eilte sie gleich zu mir. „Ist es wieder einmal so weit?“, fragte sie mich mit wissender Stimme. „Ja,ja“, murmelte ich nur und starrte unentwegt auf den Wasserfleck an der Wand meines Wohnzimmers. Sie sah die leeren Flaschen neben mir und wollte gleich loslaufen, neuen Cognac einzuholen. Mit matter Hand wies ich auf die Geldbörse, die am Fensterbrett lag. Sogleich durchnestelte sie das Portmonee, fand darin aber nur einige Münzen, die sie heimlich in die Tasche ihrer Kittelschürze stopfte.Dann entdeckte sie die massivgoldene Kaminuhr, eines der wenigen Überbleibsel aus besseren Zeiten, das mir geblieben war. An ihrem Westminsterschlag hatte ich mich schon in meiner Kindheit auf Schloss Schönebeck erfreut. Tante Agathe, eine geborene Hohenzollern, las mir damals im Bibliothekszimmer immer aus Märchenbüchern vor, während im Hintergrund leise die Uhr tickte und mir Knaben das sich heute als so trügerisch erwiesene Gefühl gab, dass mir nichts Schlimmes widerfahren könne. „Die werde ich zum Trödler bringen, vielleicht gibt der mir etwas Geld dafür“, sagte meine Nachbarin und griff sich das glänzende Schmuckstück. Mir war in diesem Augenblick alles recht und so ließ ich sie gewähren.
Bald kam sie zurück und stellte mir triumphierend zwei Cognacflaschen auf den Tisch. „Das habe ich für das alte Ding mit Mühe noch herausgehandelt.“ Sie mochte recht haben, wahrscheinlich waren die Preise für Gold schon seit langer Zeit im Keller. Mit so etwas hatte ich mich schon seit meiner Entlassung aus der Klinik „Waldesruh“ vor nun über drei Jahren nicht mehr beschäftigt. Schnell schraubte ich den Verschluss der einen Flasche ab und nahm gleich einen tiefen, tiefen Schluck.
Zwar brannte der Schnaps in der Kehle und im seit Tagen leeren Magen schien ein gewaltiges Feuer aufzulodern, als das Nass dort ankam. Doch ich wusste noch von meiner Grippe (oder was immer das gewesen sein mag), was nun kommen würde und ich wollte so gut als möglich gewappnet sein. Wie damals zog mir die Nachbarin den linken Pantoffel vom Fuße. „Geld will ich für meine Hilfe keine, aber eine kleine Freude könnten Sie mir machen“, flüsterte sie. Wieder trank ich hastig vom Cognac. Sie hatte inzwischen eine Rosenschere aus der Kittelschürze geholt. Der blankgeputzte Stahl glitzerte gefährlich und kalt. „Sie wissen ja, dass ich Zehen sammele und wie beim letzten Mal hätte ich gern wieder einen von Ihrem linken Fuß.“ Ich nickte nur. Der Schmerz ist gar nicht so schlimm, wenn man sich nur richtig betäubt und die Flasche war bereits zu einem Drittel leer. Während sie schnaufend zu schneiden begann, verfluchte ich meine reiche Jugend. Bei einem Reitunfall auf der Fuchsjagd hatte ich mit zwölf Jahren vier Zehen des rechten Fußes verloren. Die könnte ich heute gut gebrauchen. Denn nun hatte ich nur noch für dreimal Hilfe Zehen an den Füßen. Es bleibt mir nur die Hoffnung, meiner Nachbarin bald einreden zu können, auch Finger zu sammeln.

Aus dem Kurzgeschichten-Buch “Schindluder & Schabernack”. 4,90 Euro. ISBN-10: 384820584X. In jeder Buchhandlung. Auch als ebook erhältlich.

 

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