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Wie ich Porsche fuhr und beinah eine Frau becircte

IMG_0441Ich bin sehr froh, dass ich meine Autofahrerhandschuhe aus weißem Zwirn und zartem Leder übergestülpt habe. Sie machen mich nicht nur herrlich elegant, sie verbergen auch perfekt, dass ich gerade schweißnasse Finger habe. Der Grund ist genauso alt wie ich (47 Jahre) hat 160 PS, einen Boxermotor und heißt Porsche 911 S. Mit ihm starte ich bei der Oldtimer-Rallye Hamburg-Berlin. Da er nicht mir sondern der Autostadt Wolfsburg gehört, überlege ich noch kurz, was ich im Falle eines Falles deren anmutigen Ansprechpartnerin über das Mobiltelefon zugurre: „Meine Liebe, ich wollte Ihnen immer schon sagen, dass Ihre Augen funkeln wie zwei Sterne am Firmament. Zu gern würde ich Sie einmal auf ein Gläschen Wein einladen! Ach übrigens: Mit dem Wagen bin ich ein wenig in den Straßengraben gerutscht. Die rechte Seite ist ein bisserl aufgerissen und das Heck leider etwa einen Meter kürzer. Handküsse auf Ihre wunderschönen Hände und ich muss jetzt leider auflegen, Sie wissen, Termine im Ausland.“

Ja, so könnte es doch gehen! Perfekt!

Außerdem bin ich bestens vorbereitet. Denn privat fahre ich einen Lloyd LP 600 aus dem Jahr 1957 mit 19 PS. Ich war nie sehr gut in Mathe, aber die Rechnung ist doch so kinderleicht, dass selbst ich sie hinbekomme: eine 1 ist eine 1, eine 9 eine umgedrehte 6 und 0 zählt nicht. Also haben die Autos etwa die gleiche PS-Zahl. Zudem hat der Lloyd Frontmotor und Frontantrieb, der Porsche Heckantrieb und Heckmotor. Das ist doch genau das gleiche, nur eben umgekehrt. Herrlich, das passt doch! Beherzt starte ich den 911.

Ah, wie der brummelt und grummelt, wie der vibriert und zittert. Wäre der 911 ein Buch wäre er Arno Schmidts „Das steinerne Herz“ (so elegant und kühn), wäre er eine Frau Sophia Loren (so perfekt geschwunge und faszinierend), wäre er ein Essen; hm, da fällt mir auf die Schnelle nichts ein. Auch egal, denn der 911 ist weder ein Buch noch eine Frau noch ein Essen sondern ein Auto. Und das will gefahren werden. Oh, wie der 911 präzise durch die Kurven zieht, wie leicht und exakt die Lenkung ist, wie betörend der Geruch von Leder und Benzin! Und dann spricht er auch noch! „Hallo“, sagt er (oder so ähnlich), „steig aufs Gas! Ich will Drehzahlen, DREHZAHLEN. D!R!E!H!Z!A!H!L!E!N!“ Da kann man doch nicht nein sagen! Und bei 5000 Touren brummelt und grummelt und vibriert und zittert er noch ein bisschen mehr und wohliger! Leider kommen schon bald sehr hässliche und unschöne Geräusche von rechts. Die Aufhängung? Das Getriebe? Ein Plattfuß? Nein, viel schlimmer! Es ist mein Beifahrer Tobias! „Ich will auch mal fahren“, sagt er mir. So sitze ich bald auf dem Beifahrersitz und das Roadbook, fettleibig und schwer wie die Buddenbrooks von Thomas Mann, ruht auf meinen Oberschenkeln und drückt mir das Blut aus den Beinen. Fahr-Schnitte wollen exakt und präzise auf die 100stel- Sekunde berechnet werden. Doch ich bin ein Mann des Gefühls, so sensibel so einfühlsam, so intuitiv. Und deshalb verlasse ich mich mehr auf meine Eingebung als auf schnöde Stoppuhren. Und der Erfolg gibt mir recht! Zwischenzeitlich sind wir Vorletzter und zum Schluss 139! Bei 180 Teilnehmern! Das soll mal jemand besser hinbekommen! Zu verdanken ist das alles nur mir!

Natürlich muss so ein Triumph gefeiert werden! Am besten mit einer Person, die einem das Herz heftig pochen lässt. Deshalb rufe ich jetzt die aufregende Dame der Autostadt Wolfsburg an! Ich weiß auch schon was ich säuseln werde: „Meine Liebe, ich wollte Ihnen immer schon sagen, dass Ihre Augen funkeln wie zwei Sterne am Firmament. Zu gern würde ich Sie einmal auf ein Gläschen Wein einladen! Wir sehen uns in 60 Minuten. Ich zähle schon jetzt die Sekunden! Handküsse auf Ihre wunderschönen Hände.“

 

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